Nylonfetisch Blog

 

September 29, 2006

Die goldene Regel

Das WG-Leben konnte schon ab und zu ganz schön anstrengend sein. Zuerst war ich ja noch ganz froh, aus dem Studentenheim heraus gekommen zu sein, doch inzwischen fragte ich mich, ob eine WG wirklich das richtige für mich ist. Auf den ersten Blick hatte diese Wohngemeinschaft einen coolen Eindruck auf mich gemacht. Claudia und Stefan hatten einen Aushang an der Uni gemacht, wo sie günstig ein Zimmer anboten. Nach einem Telefonat lud mich Claudia ein, das Zimmer zu besichtigen. Der Raum war schön groß, fast doppelt so groß wie das Loch in dem ich im Wohnheim hausen musste und hatte sogar einen eigenen Balkon. Na gut, der Balkon war so winzig, das ich höchstens einen Stuhl darauf stellen konnte, aber immerhin hatte ich einen. Der Rest der Wohnung gefiel mir auch gut. Die Küche war richtig gemütlich, mit Sitzecke und allen drum und dran. Es gab sogar noch ein Wohnzimmer, das als Gemeinschaftszimmer genutzt wurde. Das tollste war aber für mich das Badezimmer. Richtig schön groß, ganz in weiß. Es hatte sogar so eine tolle Eckbadewanne, in der man richtig viel Platz hatte. Mit Claudia und Stefan verstand ich mich auch auf Anhieb prima. Claudia war eine sehr ruhige, las wohl anscheinend sehr viel und war nicht so, wie man sich die typische Studentin vorstellte. Stefan dagegen war sehr lebhaft. Ich konnte mir vorstellen, dass er von einer Party zur nächsten hüpfte und sein Studium höchstens als Zeitvertreib zwischen den Feiern ansah. Zudem sah er auch noch blendend aus und hatte einen ungeheuren Charme. Claudia stellte gleich klar, dass es in der WG einige Regeln gab und eine davon lautete, das es keine Beziehungen unter den Mitbewohnern geben sollte. Mir war das ganz recht, denn nach meiner letzten Beziehung hatte ich gründlich die Nase voll.

So kam es, das ich einen Monat später bei den beiden einzog. Den ersten Abend in der WG verbrachte ich mit Claudia zusammen am Küchentisch. Vor Claudia lag eine große Liste mit Verhaltensregeln und den Pflichten des Zusammenlebens. Als ich die ganzen Zettel sah und Claudia mir die Regeln vorbetete, musste ich mir ein Lachen verkneifen. Das Leben in der Wohnung glich eher einem Gefängnis, als einer WG. Zum Abschluss überreichte mir Claudia dann noch einen Monatsplan über den Wohnungsputz und ich war erstaunt, dass sogar das Ausbürsten der Fußmatte vor der Haustür genauestens geregelt war. Am Ende ihrer Aufzählung gab sie mir dann noch einen guten Rat mit auf den Weg. Ich sollte mich vor Stefan hüten, er würde alles tun, um sich vor seinen Pflichten zu drücken und außerdem sei er nicht gerade normal. Was das “nicht normal” bedeuten sollte, wollte sie mir allerdings nicht erklären. Dass Stefan sich nicht so genau an Claudias Plan hielt, merkte ich schon sehr bald, aber ich schwärzte ihn nicht gleich an, wenn er vergaß beim Staubsaugen das Sofa zu verrücken, um auch das letzte Staubkorn zu erwischen. Ich beobachtete ihn auch eine Zeit lang ganz genau, doch ich konnte keine wirkliche Macke an ihm entdecken. Das Leben in der WG war zu der Zeit wirklich noch schön. (more…)

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